Kein fairer Tausch – Die geplante Pflegereform gefährdet die ambulante Versorgung
Hinter der aktuell diskutierten Pflegereform – dem Pflegeneuordnungsgesetz (PNOG) – stehen zahlreiche Änderungen, die weitreichende Folgen für Pflegebedürftige, Angehörige und ambulante Pflegedienste haben könnten. Ziel der Reform ist es unter anderem, die finanzielle Situation der Pflegeversicherung zu stabilisieren.
Die geplanten Änderungen drohen jedoch einen hohen Preis zu haben: Pflegebedürftige Menschen, ihre Familien und ambulante Dienste könnten genau die Unterstützung verlieren, die heute ein selbstbestimmtes Leben im eigenen Zuhause ermöglicht. Genau deshalb sehen wir die aktuelle Entwicklung kritisch. Denn Einsparungen dürfen niemals zulasten derjenigen gehen, die auf Hilfe angewiesen sind.
Unterstützung beginnt oft lange vor der eigentlichen Pflege
Wer an Pflege denkt, denkt häufig zuerst an rein medizinische oder pflegerische Leistungen. In der Praxis beginnt die Unterstützung jedoch oft deutlich früher. Hilfe im Haushalt, Begleitungen im Alltag, Beratung oder entlastende Angebote tragen maßgeblich dazu bei, dass Menschen möglichst lange selbstständig und sicher in ihrem gewohnten Zuhause leben können. Gerade diese Leistungen erhalten Lebensqualität, entlasten Angehörige und verhindern oft, dass Betroffene früher als notwendig auf eine stationäre Versorgung angewiesen sind.
Welche Veränderungen werden diskutiert?
Im Zusammenhang mit dem PNOG stehen verschiedene Anpassungen im Raum, die insbesondere Menschen mit Pflegegrad 1 hart treffen könnten. Nach aktuellem Stand könnten unter anderem Leistungen rund um den Entlastungsbetrag neu geregelt oder in starre Budgets überführt werden. Unterstützungsangebote, die heute flexibel für hauswirtschaftliche Hilfen oder Alltagsbegleitung genutzt werden, stünden dadurch künftig möglicherweise nur noch eingeschränkt zur Verfügung.
Aus unserer Sicht entsteht damit ein gefährlicher Zielkonflikt: Während das System finanziell konsolidiert werden soll, droht gleichzeitig das Fundament wegzubrechen, das vielen Menschen den Verbleib in den eigenen vier Wänden sichert. Auch Angehörige wären unmittelbar betroffen. Denn wenn professionelle Unterstützung wegfällt, verschwindet der Hilfebedarf nicht – er muss stattdessen im privaten Umfeld aufgefangen werden.
Warum Angehörige besonders betroffen sind
Ein Großteil der Pflege in Deutschland wird schon heute von Angehörigen geleistet – und das oft weit über rein organisatorische Hilfen hinaus. Viele Familienmitglieder übernehmen die oft körperlich und psychisch schwere Pflegearbeit selbst.
Werden Entlastungsangebote wie der Entlastungsbetrag eingeschränkt, bricht für diese Familien das dringend benötigte Ventil weg. Sie verlieren die Chance auf kleine Freiräume im Alltag, die ihnen das Durchhalten bei der Pflege überhaupt erst ermöglichen.
Hinzu kommt die Befürchtung, dass geplante Verschärfungen bei der Begutachtung den Zugang zu höheren Pflegegraden erschweren könnten. Die Folge: Angehörige müssten Betroffene, die eigentlich einen höheren Unterstützungsbedarf haben, mit den minimalen Leistungen des Pflegegrads 1 zu Hause pflegen.
Mehr Verantwortung, mehr organisatorischer Aufwand und eine noch höhere Belastung wären die Folge. Diese Belastungen verschwinden nicht dadurch, dass Leistungen gekürzt oder Hürden erhöht werden – sie werden lediglich komplett auf die Schultern der Familien verlagert.
Unsere Position: Sparen darf nicht auf Kosten der Versorgung erfolgen
Für uns sendet die aktuelle Diskussion das falsche Signal. Pflegebedürftige Menschen benötigen keine weiteren Hürden. Angehörige brauchen Entlastung statt zusätzlicher Verantwortung. Und ambulante Pflegedienste benötigen verlässliche politische Rahmenbedingungen, um die Versorgung dauerhaft sicherstellen zu können. Wer hier den Rotstift ansetzt, spart aus unserer Sicht nicht an Bürokratie, sondern an der Lebensqualität pflegebedürftiger Menschen.
Ein fairer Ausgleich zwischen finanzieller Stabilität und verlässlicher Versorgung ist zwingend notwendig. Die derzeit diskutierten Änderungen lassen dieses Gleichgewicht jedoch vermissen.
Wir haben öffentlich Stellung bezogen
Parallel zur politischen Debatte haben wir bewusst die Stimme erhoben. Unser Geschäftsführer Tonio Riederer von Paar hat sich mit einem offenen Brief direkt an Bundesgesundheitsministerin Nina Warken gewandt und die geplanten Änderungen deutlich kritisiert.
Sein Appell ist eindeutig: Politische Weichenstellungen dürfen nicht ausschließlich unter finanzwirtschaftlichen Gesichtspunkten getroffen werden. Die realen Konsequenzen für die Pflegepraxis müssen dringend stärker berücksichtigt werden.
➡️ Den offenen Brief auf LinkedIn lesen
Mehr Hintergründe im Buch „Rettet die ambulante Pflege“
Die tieferliegenden Herausforderungen des Pflegesystems und konkrete Lösungsansätze beschreibt Tonio Riederer von Paar in seinem Buch „Rettet die ambulante Pflege“. Darin schildert er die Entwicklungen der vergangenen Jahre aus der Perspektive eines Pflegeunternehmers und zeigt auf, welche strukturellen Veränderungen notwendig sind, um die ambulante Versorgung langfristig zukunftssicher aufzustellen.
Unser Fazit
Die ambulante Pflege ist weit mehr als nur medizinische Versorgung. Sie ist der Schlüssel zu einem selbstbestimmten Leben in vertrauter Umgebung. Notwendige Einsparungen zulasten der Schwächsten vorzunehmen, ist der falsche Weg. Am Ende geht es um Menschen, ihre Würde und die fundamentale Frage, wie Pflege in unserer Gesellschaft künftig aussehen soll. Einsparungen dürfen nicht zulasten derjenigen erfolgen, die auf unsere Unterstützung angewiesen sind.